Der Einfluss der Körperhaltung auf die Gesundheit

Der Einfluss unserer Körperhaltung auf unseren Körper, unsere Psyche und unsere Gesundheit ist uns selten bewusst. Dabei beeinflusst die Haltung viele unserer inneren Vorgänge - von der Atmung über den Hormonstatus bis hin zur Verdauung.

Am ehesten leuchtet uns noch der Zusammenhang einer krummen Körperhaltung mit Rückenschmerzen ein.

Und in der Tat finden wissenschaftliche Studien immer nähere Einzelheiten heraus und bestätigen den Zusammenhang zwischen einer schlechten Haltung und Problemen des Bewegungsapparates.

Doch neben dieser offensichtlichen Korrelation entdeckt die Wissenschaft auch noch andere Auswirkungen der Körperhaltung auf Körper und Geist. Diese zeigen sich u.a. in der Emotionalität, den kognitiven Fähigkeiten, im Selbstwertgefühl und in der Körpersprache.

Somit entfaltet die Körperhaltung gleichzeitig eine Innen- und eine Außenwirkung und hat folglich auch Einfluss auf sozialen Status und beruflichen Erfolg. Zu diesen Ergebnissen kommt die Kognitionswissenschaft, die sich unter dem Begriff Embodiment mit solchen Zusammenhängen beschäftigt.[1][2]

Hier mehr Infos dazu und wie man seine Körperhaltung verbessern kann.

In diesem Artikel soll es dagegen ausschließlich um wissenschaftliche Erkenntnisse zur Beziehung von Körperhaltung und menschlichem Bewegungsapparat gehen.

Definition der menschlichen Haltung

Eine gute bzw. schlechte Körperhaltung ist wissenschaftlich nur schwer zu definieren, da die Körperhaltung immer nur eine Momentaufnahme eines dynamischen Balanceaktes zwischen Schwerkraft und Aufrichtung sein kann.

So wurde das Problem der Haltung auch "als das ungeklärteste der ganzen Orthopädie" bezeichnet.

Deshalb ist es schwierig, Form und Haltung der Wirbelsäule zu normieren und zu messen. Dennoch gibt es inzwischen Messmethoden, die die Körperhaltung reproduzierbar erfassen. So ist es möglich, die Norm und Abweichungen von dieser Norm empirisch zu erfassen.[3]

Rückenschmerzen durch schlechte Körperhaltung

Körperneigung und Körperschwerpunkt

Dass Rückenschmerzen und eine schlechte Körperhaltung zueinander in Verbindung stehen können, zeigt eine Studie der belgischen Universität Leuven. Bei verschiedenen Tests mit 56 jungen Menschen mit rezidivierenden Rückenschmerzen zeigte sich, dass diese im Vergleich zur Kontrollgruppe mit 33 gesunden jungen Menschen eine veränderte Körperneigung aufwiesen. Diese etwas vorgeneigte Haltung kann möglicherweise ein Faktor für die Wiederholung von Rückenschmerzen sein, folgerten die Forscher.[4]

Ebenso kann ein nach hinten verlagerter Körperschwerpunkt mit Rückenschmerzen in Verbindung gebracht werden, wie Forscher in einer koreanischen Studie herausfanden. Sie stellten fest, dass ein nach hinten verlagerter Körperschwerpunkt, wie ihn Patienten mit chronischen Rückenschmerzen oft aufweisen, Nachteile in der Kraft der Rückenstreckmuskulatur und in der Herstellung des Gleichgewichts mit sich bringt. Das wiederum erfordert eine erhöhte Anstrengung, um eine neutrale Position aufrechtzuerhalten und die Haltung zu kontrollieren.[5]

Hohlkreuz (Hyperlordose)

Ein übermäßig ausgeprägtes Hohlkreuz (Hyperlordose) wird von Medizinern ebenfalls als wahrscheinliche Ursache für Rückenbeschwerden benannt.

So kommt Stefan Dudek in seiner Doktorarbeit (Hamburger Bauarbeiterstudie) u.a. zu dem Schluss, "dass Probanden deren LWS einen größeren Krümmungsradius hat als das Gesamtkollektiv eher zu Schmerzen in diesem Bereich neigen."[3]

Passend dazu weist ein Fachartikel darauf hin, dass Rückenpatienten im Vergleich zu Gesunden eine begrenzte Hüftstreckung und eine Abschwächung und veränderte Aktivierung des großen Gesäßmuskels (M. glutaeus maximus) aufweisen. Demzufolge wird empfohlen bei Rückenpatienten eine Untersuchung und gegebenen-falls ein Training des M. glutaeus maximus vorzunehmen.[6]

Denn diesem Muskel wird eine große Rolle bei der Bildung eines Hohlkreuzes zugeschrieben, wenn er abgeschwächt ist.

In einer weiteren Studie zeigten Probanden mit Rückenschmerzen unterer Rücken eine höhere Muskelaktivität im M. glutaeus maximus während einer Hüftstreckungs-übung als die gesunde Kontrollgruppe. Die Forscher schließen daraus, dass die Rückenschmerz-Patienten mehr Kraft im Gesäßmuskel aufwenden mussten, weil er schwächer war als bei den gesunden Probanden und weil sie eine stärkere ventrale Beckenrotation (Hohlkreuz) aufwiesen.[7]Ein weitererEi

Ein weiterer Muskel, der mit einem verstärkten Hohlkreuz und dem LWS-Syndrom in Verbindung gebracht wird, ist der Hüftbeuger (M. iliopsoas).

In einer kanadische Studie verbesserten sich die Rückenschmerzen der Probanden signifikant, nachdem ihre verkürzten Hüftbeuger über 2 Wochen einer Faszien-Muskel-Verlängerungstherapie unterzogen worden waren.[8]

Stehen und Sitzen

Eine Studie an der Universität Quebec zeigte, dass Personen mit Rückenschmerzen während längeren Stehens nicht so gut in der Lage sind, ihre Körperhaltung senso-motorisch anzupassen wie Gesunde. Das heißt, sie stehen bei längerer Belastung etwas anders.[9]

Hier stellt sich allerdings die Frage: Stehen sie anders, weil sie Rückenschmerzen haben oder haben sie Rückenschmerzen, weil sie anders stehen ?

Japanische Wissenschaftler ermittelten in einer anderen Studie, dass die stehende Haltung von Rückenschmerz-Patienten im Gegensatz zur gesunden Kontrollgruppe mit einer erhöhten Belastung der Bandscheiben verbunden ist.[10]

Zwei verschiedene Studien an sitzenden Personen zeigten, dass eine Haltungsverbesserung mit einer Schmerzlinderung zusammenging. Die Personen konnten also ihre Schmerzen lindern, wenn sie ihre sitzende Haltung verbesserten. [11][12]

Das belegt natürlich eindrucksvoll den Zusammenhang von Körperhaltung und Rückenschmerzen.

Sehr interessant ist auch eine Studie, in der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen kognitive Übungen zur Verbesserung der Körperwahrnehmung durchführten. Nach Abschluss des Programms hatten sich sowohl die Körperhaltung signifikant verbessert als auch die Schmerzen gelindert.[13]

Schulter- und Nackenschmerzen durch Fehlhaltungen

Rundrücken (Hyperkyphose)

Eine Untersuchung von Jugendlichen in China kam zu dem Schluss, dass sowohl ein Hohlkreuz als auch ein Rundrücken mit Rückenschmerzen korreliert waren.[14]

Dass die Körperhaltung auch einen Einfluss auf die inneren Organe haben kann, wird vor allem beim Rundrücken (Hyperkyphose) deutlich. Durch den verringerten Platz im Brustraum wird z.B. die Lungenfunktion eingeschränkt.[15]

Weitere Untersuchungen weisen außerdem auf einen Zusammenhang von Hyperkyphose mit Schulter- und Nackenschmerzen hin.[16][17]

Vorgestreckter Kopf (Geierhals)

In einer iranischen Studie zeigte sich eine signifikante Korrelation einer vorgestreckten Kopfhaltung (Geierhals) mit Nackenschmerzen bei Büroangestellten.[18]

Und sogar zwischen Kiefergelenksstörungen und Fehlhaltung des Kopfes besteht ein Zusammenhang wie brasilianische Forscher in einer systematischen Überprüfung aller relevanten Studien zwischen 1950 und 2012 herausfanden.[19]

Körperhaltung verbessern lohnt sich

In unserer heutigen Zeit nehmen orthopädischen Erkrankungen wie Rücken- oder Nackenschmerzen und Gelenkprobleme immer mehr zu. Ein Großteil davon ist mit Sicherheit auf eine ungünstige Körperhaltung zurückzuführen.

Eine schlechte Körperhaltung oder gar Haltungsschäden zu korrigieren, lohnt sich also, wenn man sich einmal den Zusammenhang von Haltung und Gesundheit bewusst macht. Eine Haltungskorrektur kann durch gezielte Maßnahmen wie Rückenmuskulatur stärken oder Rücken dehnen erreicht werden, die Beseitigung von muskulären Dysbalancen zum Ziel haben.

Aber auch allgemein mehr Bewegung und Sport in den Alltag zu integrieren, kann sich positiv auf eine schlechte Haltung auswirken. Besonders geeignet erscheinen Sportarten wie Fitnesstraining, Nordic-Walking, Joggen, Tanzen oder Schwimmen (v.a. Rücken und Kraul), gymnastisch-therapeutische Übungsformen wie Pilates, Zilgrei oder Alexander-Technik und die asiatischen Bewegungskünste Yoga, TaiChi oder Qigong.[20][21][22]

Hilfsmittel wie z.B. ein Geradehalter-Gurt oder vibrierende Haltungstrainer können eine Haltungskorrektur unterstützen.

Nicht zuletzt ist natürlich auch ein ergonomischer Arbeitsplatz förderlich für eine gute Körperhaltung.

Quellennachweis:

  1. Tschacher, W., Storch, M. "Vom Embodiment-Konzept zur körperzentrierten Psychotherapie" Forschungsberichte der Abteilung für Psychotherapie, Universitäre Psychatrische Dienste Bern Nr. 09-1
  2. Cuddy AJC et al. "Preparatory power posing affects nonverbal presence and job interview performance." J Appl Psychol. 2015 Jul;100(4):1286-1295
  3. Stefan Dudek "Haltungsformen und Rückenschmerzen bei Bauarbeitern" Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin, Universität Hamburg, 1999
  4. Brumagne S et al. "Altered postural control in anticipation of postural instability in persons with recurrent low back pain." Gait Posture 2008 Nov;28(4):657-62
  5. Kim DH et al. "Influences of posterior-located center of gravity on lumbar extension strength, balance, and lumbar lordosis in chronic low back pain." J Back Musculoskelet Rehabil. 2014;27(2):231-7
  6. A. Piper "Korrelation zwischen lumbalen Rückenschmerzen und dem M. glutaeus maximus" manuelletherapie 2005; 9(2): 65-74
  7. Suehiro T et al. "Comparison of muscle activity during prone hip extension in individuals with and without chronic low back pain" researchgate.net, April 2018, abgerufen am 22.Februar 2019
  8. Avrahami D, Potvin JR "The clinical and biomechanical effects of fascial-muscular lengthening therapy on tight hip flexor patients with and without low back pain." J Can Chiropr Assoc. 2014 Dec;58(4):444-55
  9. Lafond D et al. "Postural control during prolonged standing in persons with chronic low back pain." Gait Posture. 2009 Apr;29(3):421-7
  10. Hasegawa t et al. "Association of low back load with low back pain during static standing." PLoS One. 2018 Dec 18;13(12):e0208877
  11. Park S et al. "Effects of biofeedback postural training on pre-existing low back pain in static-posture workers." J Musculoskelet Rehabil. 2018;31(5):849-857
  12. O`Sullivan K et al."Investigating the effect of real-time spinal postural biofeedback on seated discomfort in people with non-specific chronic low back pain." Ergonomics. 2013;56(8):1315-25
  13. Paolucci T et al. "The efficacy of a perceptive rehabilitation on postural control in patients with chronic nonspecific low back pain." Int J Rehabil. 2012 Dec;35(4):360-6
  14. Feng Q et al. "Relationship between spinal morphology and function and adolescent non-specific back pain: A cross-sectional study." J Back Musculoskelet Rehabil. 2017;30(3):625-633
  15. Lorbergs AL et al. "Severity of Kyphosis and Decline in Lung Function: The Framingham Study." J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2017 May 1;72(5):689-694
  16. Barrett E et al. "Is thoracic spine posture associated with shoulder pain, range of motion and function? A systematic review." Man Ther. 2016 Dec;26:38-46
  17. Quek J et al. "Effects of thoracic kyphosis and forward head posture on cervical range of motion in older adults." Man Ther. 2013 Feb;18(1):65-71
  18. Nejati P et al. "The study of correlation between forward head posture and neck pain in Iranian office workers." Int J Occup Med Environ Health. 2015;28(2):295-303
  19. Chavez TC et al. "Static body postural misalignment in individuals with temporomandibular disorders: a systematic review." Braz J Phys Ther 2014 Nov-Dec;18(6):481-501
  20. Woodman JP, Moore NR "Evidence for the effectiveness of Alexander Technique lessons in medical and health-related conditions: a systematic review." Int J Clin Pract. 2012 Jan;66(1):98-112
  21. do Rosario JL et al. "The immediate effects of modified Yoga positions on musculoskeletal pain relief." J Bodyw Mov Ther. 2013 Oct;17(4):469-74
  22. Lu X et al. "Effects of Tai Chi training on postural control and cognitive performance while dual tasking - a randomized clinical trial." J Complement Integr Med. 2016 Jun 1;13(2):181-7

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